Und jetzt pflegen wir!
Ich bin jetzt 41 und bislang war mein berufliches und privates Leben sehr stark mit dem Thema “Kinder” assoziiert. Als Head of HR habe ich in verschiedenen Unternehmen Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie gestaltet und eingeführt oder die Planung von und die Rückkehr aus Elternzeiten organisiert und begleitet. Selber habe ich entweder in flexiblen Arbeitszeitmodellen oder in Teilzeit gearbeitet, um meine Rolle als Mutter leben zu können.
Aber seit einiger Zeit merke ich, wie sich ein neues Care-Thema ins Bewusstsein drängt: In der öffentlichen Diskussion, auf Personalfachtagungen und in Linked-in Posts geht es plötzlich um die Pflege der eigenen Eltern und wie diese mit Erwerbsarbeit vereinbar ist. Ja klar, der demographische Wandel führt nun mal dazu, dass Themen an die Oberfläche gespült werden, die da vorher nicht waren. Und das abstrakte Drohszenario Pflegenotstand füllt sich plötzlich auch mit Inhalten, wenn es um die Betreuung und Pflege der eigenen Eltern geht.
Der Artikel “Tausche Konzernkarriere gegen – Elternpflege” von Vera Schneevoigt hat mich sehr berührt. Sie schafft es, in ihrer eigenen Geschichte das Privilegierte herauszustellen und fordert klar, dass es neue Regelungen braucht, um Pflegezeiten in die Erwerbstätigkeit zu integrieren. Denn die wenigsten können es sich leisten, Arbeitszeit zu reduzieren oder den Arbeitsplatz ganz zu Gunsten der Pflege der Eltern aufzugeben.
Nachdem sich die öffentliche Debatte in den letzten Jahrzehnten um Kinderbetreuung, Vereinbarkeit und Work-Life-Balance drehte, braucht es aus meiner Sicht nun die gleiche Aufmerksamkeit für pflegende Angehörige! Gesetze helfen (Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf) aber genauso wichtig ist es doch, dass wir endlich damit aufhören, Erwerb ohne Care zu denken. Ob kleine Kinder, alte Eltern, depressive Freunde, einsame Nachbarn – Care-Aufgaben warten an jeder Ecke auf uns und wir wünschen uns die Zeit dafür.
Im Rahmen unseres Buchprojektes „Sorgt Euch!“ sprechen wir mit Unternehmen, die das Zukunftsthema der privaten Pflege bereits angehen und Lösungen entwickeln. Ihr dürft gespannt sein, welche Wege die verantwortlichen Personaler*innen hierbei beschreiten und wie sich dadurch die Kultur im Unternehmen verändert.